Rede anläßlich der Verleihung des Wieland-Übersetzerpreises

Bundespräsident Roman Herzog


in Biberach am 18. November 1997




Meine Damen und Herren,

ich freue mich, daß ich heute bei Ihnen bin. Aus mehreren Gründen bin ich gerne mit Übersetzern zusammen: Zum einen gibt es wenig intellektuelle Arbeit, die mir mehr Achtung abverlangt als das literarische Übersetzen. Texte sind ja mehr als die Addition von Wörtern. Hinter jedem stehen eine ganze Kultur , eine ganze Geschichte, die gesamten Erfahrungen einer Sprachgemeinschaft. Zum anderen aber möchte ich meine Bekanntheit als Bundespräsident einsetzen, um für einen in der Öffentlichkeit immer noch zu wenig beachteten Berufsstand Werbung zu machen. Sie haben es verdient.

Als ich vor einigen Monaten im Europäischen Übersetzerkolleg in Straelen war, lernte ich, mir ein noch besseres Bild von Ihrem Beruf zu machen. Ich war und bin beeindruckt von dem Engagement, das Sie für Ihre Sache zeigen - und ich bin noch mehr davon beeindruckt, wenn ich mir die Schwierigkeiten, ja die Entbehrungen vor Augen halte, die Sie auf sich nehmen.

Übersetzen hat viele Motive: beispielsweise die Neugier, die Leidenschaft für das Fremde und die Herausforderung, das eigentlich Unmögliche möglich zu machen. Im Innersten aber liegt dem Übersetzen auch so etwas wie ein moralischer Impuls zugrunde:Man möchte sich das Fremde vertraut machen. Man will das Fremde verstehen können.

Die Grundfrage allen Übersetzens - die Frage, die sich jeder stellt, der diesem entsagungsvollen Beruf nachgeht - ist wohl: Können wir einander verstehen? Jede Art von Übersetzer-Arbeit ist der Versuch, diese Frage mit Ja zu beantworten. Damit wird zugleich die doppelte Bedeutung des Wortes "Übersetzung" klar: Übersetzen ist einerseits ein Handwerk, und zwar ein schwieriges, das langer Übung bedarf; andererseits antwortet es aber auf eine intellektuelle und ethische Herausforderung. Wer übersetzt, leistet Verständigungsarbeit. Das ist die humane Botschaft des Übersetzerberufs: Nichts, kein Gedanke, keine Grammatik, keine Tradition, keine Erfahrung, in welcher Sprache auch immer sie sich ausdrücken, muß uns letztlich fremd bleiben.

Daß man mit einem der wichtigsten Berufe, die unser Geistesleben kennt, seinen Lebensunterhalt in der Regel nicht bestreiten kann, ist im Grunde skandalös. Die prekäre finanzielle Situation, in der die allermeisten von Ihnen leben, kann einen nur traurig stimmen. Wahrscheinlich gibt es im gesamten kulturellen Leben kaum einen Beruf, der sich so unterbezahlt vorkommen muß. Sie wissen und akzeptieren wohl auch, daß ich Ihnen dabei nicht direkt helfen kann. Es ist aber meine Absicht, sowohl durch meinen Besuch damals in Straelen als auch durch meine Anwesenheit heute, die große und wichtige kulturelle Leistung der Übersetzer ins Licht der Öffentlichkeit zu setzen - und den unzureichenden Lohn, den Sie dafür bekommen. Hier stehen das Verdienst und der "Verdienst", den Sie dafür erhalten, in keinem gerechten Verhältnis zueinander.

Umso mehr freue ich mich, daß es wenigstens einige Anzeichen einer leichten Besserung gibt. Ich denke hier natürlich an die gerade bekanntgegebene Gründung des Deutschen Übersetzerfonds. Immerhin gibt es dadurch eine kompetente Stelle, durch die gezielt Projekte gefördert oder geleistete Arbeiten prämiiert werden können. Außerdem hoffe ich, daß durch seine Gründung auch ein Stück öffentliche Wirksamkeit erzielt wird.

Niemand ist heute für den so dringend erforderlichen interkulturellen Dialog geeigneter als jemand, der es gelernt hat, in anderen Sprachen zuhause zu sein. (Dazu gehören übrigens auch die fälschlicherweise so genannten "toten" Sprachen.) Interkultureller Dialog bedeutet ja nicht, sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu einigen oder, um bei unserem Thema zu bleiben, sich auf eine möglichst einfache lingua franca zu einigen. Mehr denn je müssen wir uns alle in anderen Sprachen bewegen.

Da wir das selber nicht für jede Sprache leisten können, sind wir auf gute und verläßliche Übersetzer angewiesen. Inzwischen werden auf dem deutschen Buchmarkt allein in der Belletristik zur Hälfte Bücher aufgelegt, die aus anderen Sprachen übersetzt sind. Schlechte Übersetzungen sollten wir uns dabei nicht leisten, jedenfalls nicht auf Dauer. Damit wird nicht nur dem fremden Text Unrecht getan und der Autor gleichsam verraten. Auch unsere eigene Sprache wird dadurch auf die Dauer verdorben.

Umso mehr ist die beharrliche, gewissenhafte Arbeit der guten und genauen Übersetzer zu loben. Dabei ist das Paradox unvermeidlich, daß Ihre Arbeit, je besser sie ist, umso weniger auffällt. Deswegen ist es gut, daß es Preise wie den Wieland-Übersetzerpreis gibt, die ausdrücklich auf exzellente Leistungen und möglicherweise verborgene Meisterwerke aufmerksam machen.

Der besondere Reiz dieses Preises, der ja für die Übersetzung eines klassischen Werkes verliehen wird, besteht darin, daß gleichsam eine doppelte Übersetzung ausgezeichnet wird. Hier wird nicht nur eine andere Kultur in unsere eigene Sprache übersetzt, sondern auch eine andere Zeit ins Heute geholt.

Ich freue mich, daß mit dem Werk von Frau Schuenke heute eine Übersetzung aus dem Werk Shakespeares gewürdigt wird. Damit wird an die große Tradition der deutschen Shakespeare-Übersetzungen erinnert, auf die wir alle sehr stolz sein können. Ich gratuliere Ihnen, Frau Schuenke, herzlich zu diesem Preis. Zu solchen Preisen gehört es auch, daß sie angemessen dotiert sind. Deswegen danke ich dem Land Baden-Württemberg, daß es, trotz der bekannten Lage der öffentlichen Finanzen, die Preissumme aufgestockt hat. Das ist zwar ein kleines, aber wichtiges Zeichen.

Ich habe oben kurz angedeutet, wie sehr durch schlechte Übersetzungen auch die eigene Sprache lädiert werden kann. Wie andererseits durch eine gute Übersetzung die eigene Sprache bereichert wird, zeigt für uns in Deutschland bis heute das klassische Beispiel der Bibelübersetzung Martin Luthers. Er hat uns in seinem "Sendbrief vom Dolmetschen" auch sein Erfolgsgeheimnis hinterlassen:

"Denn man muß nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprachen fragen, wie man soll Deutsch reden, wie diese Esel tun, sondern man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den gemeinen Mann auf dem Markt darum fragen und denselbigen aufs Maul sehen, wie sie reden, und danach dolmetschen. So verstehen sie es denn und merken, daß man Deutsch mit ihnen redet."

Beides ist also wichtig: Radikale Selbstvergessenheit - um ganz in das andere Denken eintauchen zu können - und radikales Selbstbewußtsein - um der eigenen Sprache das Andere ganz anverwandeln zu können.

Am Ende der Arbeit, als Ergebnis oft mühevollen Versuchens, als Summe großen Fleißes in vielen einsamen Stunden, steht eine Botschaft von großer menschlicher Bedeutung - eine Botschaft, an der Sie, die Übersetzer, tagtäglich arbeiten: Wir Menschen können einander verstehen. Über alle Grenzen, auch über alle Zeiten hinweg.

Für diese Arbeit danke ich Ihnen allen.